Kletterer sitzt nachdenklich vor einer Kletterwand – Versagensangst und der Umgang mit Scheitern im Klettersport

Versagen. Warum wir im Klettersport lernen müssen, es zu lieben.

Über Versagensangst, selbst erfüllende Prophezeiungen und die Frage, warum wir uns ausgerechnet das nehmen, was uns am Klettern am meisten Freude bereitet.

Versagen ist keine Option. Oder doch?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Versagen nach wie vor negativ besetzt ist. Wir sollen erfolgreich sein, unsere Ziele erreichen, Leistung bringen und möglichst keine Fehler machen. Wer scheitert, hat offensichtlich etwas falsch gemacht. Wer wiederholt scheitert, hat vielleicht nicht genug trainiert, sich nicht ausreichend angestrengt oder schlicht nicht das Zeug dazu.

Zumindest ist das die Botschaft, die viele von uns verinnerlicht haben.

Und dann gehen wir klettern. In unserer Freizeit. Freiwillig. Weil es uns Spaß macht.

Wir steigen in eine Route ein, kommen nicht bis zum Umlenker, fallen ins Seil und sind enttäuscht. Vielleicht ärgern wir uns ein bisschen. Vielleicht ärgern wir uns auch richtig. Und manchmal fühlen wir uns tatsächlich wie Versager.

Aber warum eigentlich?

Was ist denn passiert? Wir haben eine Route nicht geschafft. Nicht mehr und nicht weniger.

Sofern wir nicht als Profisportler wirtschaftlich von unserer Leistung abhängig sind, hat unser Versagen zunächst keinerlei existenzielle Konsequenzen. Niemand kündigt uns den Arbeitsvertrag, weil wir eine 7b nicht durchgestiegen sind. Wir verlieren nicht unsere Freunde, weil wir am Schlüsselzug gescheitert sind. Und morgen geht die Sonne trotzdem wieder auf.

Trotzdem kann sich eine nicht geschaffte Route wie eine persönliche Niederlage anfühlen.

Wann haben wir eigentlich angefangen, unseren Wert als Kletterer und vielleicht sogar als Mensch daran zu messen, ob wir eine bestimmte Route schaffen?

Die Angst vor dem Versagen lässt uns bereits vor dem ersten Zug scheitern

Stell dir vor, du stehst vor einer Route, die du unbedingt schaffen möchtest. Vielleicht arbeitest du schon seit Wochen daran. Vielleicht hast du andere Kletterer beobachtet, die scheinbar mühelos durch genau diese Route schweben.

Du bindest dich ein, schaust nach oben und denkst:

„Heute wird das sowieso wieder nichts.“

Vielleicht sagst du es sogar laut. Ein kleiner Scherz gegenüber deinem Sicherungspartner. Schließlich möchtest du keine allzu großen Erwartungen wecken.

Doch was passiert jetzt?

Du steigst bereits mit einer bestimmten Erwartung in die Route ein. Du bist möglicherweise zurückhaltender, kletterst vorsichtiger, zögerst vor schwierigen Zügen und bist weniger bereit, dich vollständig auf eine Bewegung einzulassen.

Vielleicht investierst du gar nicht mehr deine ganze Energie in den Versuch. Denn wenn du ohnehin davon ausgehst, dass du scheitern wirst, warum solltest du dann alles geben?

Und tatsächlich: Du schaffst die Route nicht.

„Hab ich doch gleich gesagt!“

Deine ursprüngliche Erwartung scheint bestätigt. Beim nächsten Versuch gehst du mit noch weniger Zuversicht an die Sache heran.

Eine selbst erfüllende Prophezeiung.

Natürlich führt nicht jeder negative Gedanke automatisch zu schlechterer Leistung. Aber unsere Erwartungen können beeinflussen, wie wir uns verhalten, wie entschlossen wir Bewegungen ausführen und wie wir mit Schwierigkeiten umgehen.

Und irgendwann stellt sich die Frage: Klettere ich eigentlich noch, um die Route zu schaffen, oder klettere ich nur noch, um mir zu beweisen, dass ich sie nicht schaffe?

Wenn aus einem Projekt ein Gefängnis wird

Projektieren gehört zum Klettern. Es kann unglaublich motivierend sein, sich über mehrere Trainingseinheiten hinweg mit einer schwierigen Route auseinanderzusetzen. Einzelne Bewegungen zu entschlüsseln, Lösungen zu entwickeln, Fortschritte zu erkennen und irgendwann Züge aneinanderzureihen, die zunächst unmöglich erschienen.

Aber Projektieren kann auch kippen.

Du steigst immer wieder in dieselbe Route ein. Beim ersten Versuch fehlt dir noch ein bisschen Kraft. Beim zweiten funktioniert der Schlüsselzug nicht. Beim dritten bist du bereits erschöpft. Beim vierten ärgerst du dich darüber, dass du nicht einmal mehr so weit gekommen bist wie letzte Woche.

Also kommst du nächste Woche wieder.

Du hast schließlich noch eine Rechnung mit dieser Route offen.

Aus einem sportlichen Ziel ist inzwischen eine persönliche Verpflichtung geworden. Du musst diese Route schaffen. Nicht unbedingt, weil sie dir noch Spaß macht, sondern weil du es nicht erträgst, sie nicht geschafft zu haben.

Je länger du daran arbeitest, desto größer wird möglicherweise der empfundene Druck. Schließlich hast du schon so viel Zeit und Energie investiert. Jetzt aufzugeben, würde sich wie ein zusätzliches Versagen anfühlen.

Also machst du weiter.

Und irgendwann besteht dein gesamtes Klettertraining nur noch aus dieser einen Route.

Der Teufelskreis des Projektierens

Hohe Erwartungen an mich selbst

Angst, erneut zu versagen

Zurückhaltendes Klettern und zunehmender Druck

Die Route gelingt wieder nicht

Enttäuschung und Selbstzweifel

Noch mehr Zeit und Energie für dieselbe Route

Der Kreislauf beginnt von vorn.

Dabei passiert noch etwas anderes: Du setzt dich immer wieder denselben Bewegungen, Belastungen und Schwierigkeiten aus. Du vernachlässigst möglicherweise andere Kletterstile, andere Bewegungsmuster und neue Trainingsreize.

Deine Leistung stagniert. Vielleicht wird sie durch mangelnde Erholung, Frustration oder einseitige Belastung sogar schlechter. Und ausgerechnet in deiner geliebten Route kommst du ebenfalls nicht vorwärts.

Du trainierst immer mehr, aber entwickelst dich immer weniger.

Dabei ist nicht die Wiederholung an sich das Problem. Gezieltes Wiederholen ist ein wesentlicher Bestandteil erfolgreichen Trainings. Problematisch wird es, wenn wir immer wieder dasselbe tun, ohne unsere Strategie zu verändern, unsere Belastung zu steuern oder aus den vorherigen Versuchen neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Wann hast du zuletzt eine andere Route geklettert, einfach weil sie schön aussah? Wann hast du zuletzt etwas Neues ausprobiert, ohne dir vorher Gedanken darüber zu machen, ob du es schaffen wirst?

Versagen ist die Voraussetzung dafür, besser zu werden

Jetzt wird es interessant. Denn eigentlich ist Versagen im Sport etwas vollkommen Normales. Mehr noch: Es kann eine wesentliche Voraussetzung dafür sein, besser zu werden.

Stell dir vor, du gehst ins Fitnessstudio und möchtest stärker werden. Du trainierst mit einem Gewicht, das du zehnmal bewegen kannst. Dein Ziel sind zwölf Wiederholungen.

Du schaffst zehn. Die elfte Wiederholung gelingt dir nicht mehr.

Du hast versagt.

Und genau deshalb trainierst du.

Du setzt einen ausreichend großen Trainingsreiz, gibst deinem Körper anschließend Zeit zur Regeneration und versuchst beim nächsten Training, elf Wiederholungen zu schaffen. Vielleicht gelingt es dir, vielleicht benötigst du noch einige Trainingseinheiten. Irgendwann erreichst du zwölf Wiederholungen. Dann erhöhst du das Gewicht und das Spiel beginnt von vorn.

Dieses Prinzip der progressiven Belastungssteigerung ist eine Grundlage des Krafttrainings. Dabei muss man nicht in jedem Satz bis zum Muskelversagen trainieren und Fortschritte verlaufen auch nicht linear. Entscheidend sind angemessene Belastungsreize, Erholung und eine langfristige Steigerung.

Aber die grundlegende Idee ist einfach: Wir setzen uns bewusst Anforderungen aus, die über unser bisheriges Leistungsvermögen hinausgehen, damit unser Körper lernt, diese Anforderungen künftig zu bewältigen.

Warum betrachten wir diesen Vorgang beim Krafttraining als selbstverständlich, während wir uns beim Klettern dafür verurteilen?

Wenn ich eine Route beim ersten Versuch schaffe, ist das wunderbar. Aber offensichtlich verfüge ich bereits über die Fähigkeiten, die ich für diese Route benötige.

Wenn ich hingegen an einer Route versage, zeigt sie mir meine derzeitigen Grenzen. Vielleicht fehlt mir Kraft, vielleicht Beweglichkeit, vielleicht die richtige Technik. Vielleicht treffe ich die falschen taktischen Entscheidungen oder traue mich nicht, eine bestimmte Bewegung auszuführen.

Plötzlich wird Versagen zu etwas ausgesprochen Wertvollem: Es liefert mir Informationen darüber, woran ich arbeiten kann.

Natürlich muss nicht jede Klettereinheit an der Leistungsgrenze stattfinden. Auch leichte Routen, spielerisches Klettern und bewusste Bewegungsschulung können uns besser machen.

Aber wer seine Grenzen erweitern möchte, muss sich ihnen irgendwann stellen. Und wer sich seinen Grenzen stellt, wird zwangsläufig immer wieder versagen.

Versagen ist dann kein unerwünschter Nebeneffekt unseres Trainings. Es ist ein ganz normaler Bestandteil davon.

Die entscheidende Frage: Für wen mache ich das eigentlich?

Bevor wir darüber nachdenken, wie wir mit Versagensangst umgehen können, sollten wir uns eine viel grundlegendere Frage stellen.

Warum klettere ich eigentlich?

Weil ich Freude an der Bewegung habe? Weil ich gerne draußen in der Natur bin? Weil ich Herausforderungen liebe, gemeinsam mit Freunden Sport treibe oder einfach den Kopf freibekommen möchte?

Oder weil ich anderen beweisen will, wie gut ich bin?

Es spricht überhaupt nichts dagegen, ambitionierte sportliche Ziele zu verfolgen. Eine schwierige Route durchzusteigen, ein bestimmtes Kletterniveau zu erreichen oder sich auf einen Wettkampf vorzubereiten, kann enorm motivierend sein.

Aber wir sollten uns bewusst machen, warum wir diese Ziele verfolgen und welchen Preis wir dafür zu zahlen bereit sind.

Wenn ich inzwischen schlecht gelaunt aus der Kletterhalle nach Hause fahre, weil ich meine Route wieder nicht geschafft habe, obwohl ich eigentlich einen schönen Abend mit meinen Freunden verbringen wollte, läuft möglicherweise etwas falsch.

Wenn ich mich nicht mehr über die Fortschritte anderer freuen kann, weil ich ständig meine eigene Leistung mit ihrer vergleiche, sollte ich mich fragen, was gerade passiert.

Und wenn ich keine Freude mehr am Klettern habe, weil mein gesamtes sportliches Selbstwertgefühl von einer einzigen Route abhängt, ist es höchste Zeit, meine Prioritäten zu überprüfen.

Nicht, weil mein Ziel falsch ist. Sondern weil mein Umgang mit diesem Ziel mir möglicherweise genau das nimmt, weshalb ich ursprünglich mit dem Klettern angefangen habe.

Ich darf ambitioniert sein. Ich darf unbedingt eine Route schaffen wollen. Aber ich muss nicht meine Freude am Klettern dafür opfern.

Raus aus dem Teufelskreis: Meine Strategien gegen die Angst vor dem Versagen

Was also tun, wenn ich mich in einer Route festgebissen habe, meine Leistung stagniert und meine Gedanken nur noch um das nächste mögliche Versagen kreisen?

Die folgenden Strategien sollen keine Patentrezepte sein. Vielmehr sind es Anregungen, mit denen du deinen Umgang mit schwierigen Routen, sportlichen Zielen und deinem eigenen Versagen kritisch hinterfragen kannst.

1. Erinnere dich an das große Ganze

Bevor du das nächste Mal in deine Problemroute einsteigst, frage dich, warum du überhaupt kletterst.

  • Was macht mir am Klettern eigentlich Freude?
  • Was möchte ich langfristig erreichen?
  • Was würde passieren, wenn ich diese Route niemals schaffe?
  • Würde ich deswegen tatsächlich weniger gerne klettern?

Vielleicht stellst du fest, dass die Route zwar ein schönes sportliches Ziel ist, aber überhaupt nicht die Bedeutung verdient, die du ihr inzwischen gegeben hast.

2. Definiere Erfolg neu – und behalte das Wort Versagen bei

Wenn du in eine schwierige Route einsteigst, muss dein einziges Ziel nicht darin bestehen, den Umlenker zu erreichen.

Vielleicht möchtest du heute nur den Schlüsselzug entschlossener angehen. Vielleicht willst du eine andere Bewegungsabfolge ausprobieren, weniger Pausen machen oder an einer bestimmten Stelle bewusst einen Sturz zulassen, sofern die Sicherungssituation dafür geeignet ist.

Du kannst an der Route versagen und trotzdem dein Trainingsziel erreichen.

Und selbst wenn dir auch das nicht gelingt, kannst du etwas darüber lernen, warum es nicht funktioniert hat.

Entscheidend ist, zwischen dem Ergebnis eines Versuchs und deinem persönlichen Wert zu unterscheiden.

3. Hinterfrage deine eigenen Erwartungen

Achte darauf, was du dir selbst sagst, bevor du in eine Route einsteigst.

„Das schaffe ich sowieso nicht.“

Warum eigentlich nicht? Welche konkreten Anhaltspunkte sprechen dafür? Und selbst wenn du die Route heute nicht schaffst: Warum sollte das ein Problem sein?

Versuche, mit einer offenen Erwartung einzusteigen.

Statt dich bereits vor dem ersten Zug auf das Ergebnis festzulegen, konzentriere dich auf das, was du beeinflussen kannst: deine Bewegungen, deine Atmung, deine Entscheidungen und deinen Einsatz.

Du musst nicht davon überzeugt sein, dass du die Route schaffst. Du solltest dir aber die Möglichkeit zugestehen, dass du sie schaffen könntest.

4. Verändere etwas, statt nur zu wiederholen

Wenn du seit Wochen am selben Zug scheiterst, frage dich, was du bei deinen bisherigen Versuchen tatsächlich verändert hast.

Hast du eine andere Fußposition ausprobiert? Eine alternative Griffabfolge? Eine andere Körperposition? Hast du gezielt an deiner Schwachstelle gearbeitet oder wiederholst du lediglich immer wieder denselben Versuch?

Hole dir Feedback von anderen Kletterern oder einem Trainer. Lass dich filmen. Analysiere deine Bewegungen.

Und vor allem: Gib dir ausreichend Zeit zur Erholung.

Eine weitere Wiederholung ist nicht automatisch ein weiterer Trainingsfortschritt.

5. Verlasse dein Projekt und entdecke das Klettern neu

Manchmal ist die wirkungsvollste Entscheidung, eine Route vorübergehend nicht mehr zu klettern.

Nicht, weil du aufgibst, sondern weil du andere Trainingsreize benötigst.

Klettere andere Routen, probiere neue Wandneigungen aus, gehe bouldern, arbeite an deiner Technik oder verbringe einen Abend damit, einfach nur schöne Bewegungen zu genießen.

Vielleicht entdeckst du dabei Fähigkeiten, die dir später auch in deinem ursprünglichen Projekt weiterhelfen.

Und vielleicht stellst du fest, dass dir das Klettern plötzlich wieder richtig Spaß macht.

6. Erlaube dir, bewusst zu versagen

Suche dir gelegentlich eine Route aus, von der du weißt, dass sie oberhalb deines derzeitigen Leistungsniveaus liegt.

Steige ein, ohne den Anspruch, sie durchsteigen zu müssen. Probiere Bewegungen aus, experimentiere, falle bei geeigneten und sicheren Bedingungen ins Seil und versuche herauszufinden, was bereits funktioniert und was noch nicht.

Dein Ziel ist nicht der erfolgreiche Durchstieg. Dein Ziel ist, dich einer Herausforderung zu stellen.

Und wenn du versagst?

Dann hast du genau das erlebt, was du dir für diese Trainingseinheit vorgenommen hast.

Versagen ist keine Niederlage. Es ist eine Entscheidung für Entwicklung.

Vielleicht müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass erfolgreiches Klettern bedeutet, möglichst selten zu versagen.

Denn wer niemals versagt, bewegt sich möglicherweise immer nur innerhalb seiner bereits vorhandenen Fähigkeiten.

Wer dagegen bereit ist, schwierige Herausforderungen anzunehmen, wird zwangsläufig immer wieder an seine Grenzen stoßen. Manchmal wird er sie überwinden. Manchmal wird er an ihnen scheitern. Und manchmal wird er feststellen, dass eine bestimmte Route gerade einfach nicht zu ihm passt.

All das darf sein.

Wir müssen nicht jede Route schaffen. Wir müssen nicht jedes Projekt abschließen. Und wir müssen schon gar nicht anderen beweisen, dass wir gute Kletterer sind.

Wir dürfen Ziele haben, ehrgeizig sein, trainieren und uns über Fortschritte freuen. Aber wir dürfen genauso versagen, ohne uns selbst dafür abzuwerten.

Vielleicht sollten wir deshalb beim nächsten gescheiterten Versuch nicht frustriert auf den Boden schauen, sondern uns fragen:

Was habe ich heute gelernt? Was kann ich beim nächsten Mal anders machen? Und hatte ich eigentlich Spaß?

Denn am Ende ist es doch genau das, worum es geht.

Wir klettern nicht, um niemals zu versagen. Wir klettern, weil wir Freude daran haben, uns Herausforderungen zu stellen. Und manchmal ist Versagen genau das, was uns besser macht.